Einblick
Einsicht
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Einsicht
Einsicht

beschrieben

Ausstellen heisst Zeugnisse von Annäherungsprozessen auslesen und der persönlichen Sphäre entziehen. Diese fortwährenden Prozesse des Schauens und Wahr-Nehmens fordern Zwischenhalte im Erfassen und Vergegenwärtigen von sich aufdrängenden Bildern. Es sind Bilder, welche sich mir in ihrer Entstehungslust offenbaren. Ich lasse mich dadurch auf einen Tausch ein:




 

Geheimnisse gegen Gelassenheit und Vertrauen im Werden-Lassen – eine Art Tausch, der nie Täuschung oder Ent-Täuschung ist.



Ich bin mir bewusst, weniger die Geheimnisse der Dinge selbst lüften zu können, als vielmehr Erfahrungen über meine Strategien des Schauens zu machen. Diese Erfahrungen sensibilisieren jedoch meine Bewusstheit über die Erscheinungswelt der Dinge. Im Rausche ihres Werdens hinterlassen sie eine Prägung ihrer Gegenwärtigkeit; sie mutieren zu "Vergegenwärtigungen". In meinem Alltag auftauchende Bilder haben dann oft die Lust, sich mit diesen zu verknüpfen – ähnlich Wörtern einer Fremdsprache, welche sich bei ihrem Auftauchen in einer anderen wieder zu erkennen geben und sich damit vertiefen. Dieses so entstehende Registriergewebe ästhetischer Synapsen bildet so das Quellgebiet meiner Bildsprache.
Den angemessenen Ausdruck dieser, meiner Bildsprache, finde ich heute nicht ausschliesslich im Aquarell, sondern ebenso in anderen Techniken – auch in der Fotographie und einer selber entwickelten Technik der "Photopeintures". Diese sind mir Wegwarten in der Frage nach der Beziehung zwischen Wahrheit und Wirklichkeit: Blüht die Wahrheit, welkt die Wirklichkeit. Das Foto, als schnelle, unmittelbare Skizze, ist für mich der assoziative Zugang zum gemalten Bild, das Entdecken als Innehalten, gleich dem Finden als Vergegenwärtigung. Assoziation lässt zu und offen, Definition schliesst aus und ab.
So auch die plattgefahrene, verrostete und von der Sonne in ihren Farben verblichene Büchse: Sie entdeckt mich, vergegenwärtigt sich. Sie ist Zeitzeuge unserer Gesellschaft und meiner Werte. Sie steht für alles Ausgediente, oder liegt für alles Eingestellte.
"Wert-los" heisst hier bloss der Serie entartet, dem Zweck entbunden und der Symmetrie entwachsen. "Wert-voll" heisse ich sie sofort, weil dem Lebensprinzip menschlicher Vergänglichkeit gleich: der Erosion, dem Licht, der Zeit ausgesetzt – voller Einmaligkeit. Die Antwort auf Andy Warhols Frage finde ich heute auf der Strasse: Die Serie ist nicht – sie wird wert-voll.

Meine Einsichtnahme in die sich mir eröffnenden Parallelwelten – Parallelwelten zu tradierten, dogmatischen Sehgewohnheiten, bildet überhaupt die Grundlage meines schöpferischen Tuns. Einsichtnahmen sind Wertungen von Werdendem, welches sich mir in meiner Wahrnehmung aufdrängt. Es birgt die Anlagen in sich, bei mir anzukommen – ankommen zu wollen, will sich durch meine Bildsprache manifestieren. Das Manifest ist der Vorläufer des Gestaltungsprozess; Kreativität ist prozessgebunden.

Der (Aquarell-) Pinsel lässt durch die Unzähmbarkeit und Flüchtigkeit des Wassers das Geahnte unmittelbar in Einmaligkeit werden, die Fotographie ist die Skizze des Augenblicks, im Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zeit ist die Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit und Werden.
Bilder "werden" zuerst, und sie können einmal "sein" – "schön" sein, wenn sie wollen. "Schönheit" muss jedoch ihre Rigorosität des Tradierten und Objektiven loswerden. Schönheit ist Sinnlichkeit, ist wandelbar, nicht unveränderliche Vollendung. Diese Schönheit impliziert sowohl die Ästhetik des Hässlichen wie auch des zweckmässig Nutzlosen oder des Zerstörten. Kunst beginnt vorerst mit Ent-Decken, folgt einem ästhetischen Imperativ und wehrt sich gegen jegliche Absicht. Sie ist frei von jeder Beweislast von Können.
Kunst kommt nicht von Können – Können ist Voraussetzung für Kunst. Wissen und Können müssen sich bescheiden und dem Werden Raum geben. "Werden" ist frei von Dogma und gibt dem Experiment die Bedeutung des Wegweisers.
Kunst ist auch, sich der Sehlust hingeben können und wollen, deren Rausch man nicht fürchtet, sondern geniesst.





Ent-Deckung – Wahr-Nehmung – Annäherung – Experiment – Vertiefung – Verfeinerung – Variation – Erkenntnis – Registrierung – Wissen – Improvisation – Komposition – Ent-Deckung – … :
Meine Gestaltungsetappen eines Inhaltes, ganz im Bewusstsein, dass hieraus nicht vor allem Antworten zu bekommen sind.




 

Die Inhalte dieser Ausstellung sind also meine Zeugnisse von Annäherungsprozessen und von deren Anstrengungen, etwas über das Geheimnis der Dinge zu erfahren. Ich weiss jedoch, dass ich mich mit der Anstrengung zufrieden geben muss. Dies ist nicht enttäuschend, da das Beherrschen der Dinge eine Illusion wäre, deren Vergegenwärtigung aber die eigentliche Herausforderung ist.
Wo tangieren Ihre Bildwelten meine Vergegenwärtigungen? Darf ich Sie um einen Annäherungsprozess bitten?

(Hanspeter Fiechter)