Einblick
Einsicht
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beschrieben

Wenn wir einen bewussten Blick auf das Vergängliche oder auf das, was davon übrig blieb und bleibt, werfen, sehen wir, dass alles was vergänglich ist, sich seinem ursprünglichen Zweck mehr und mehr entzieht, sich ihm entfremdet oder gar verweigert.
Je nach Einwirkung von Zeit, Naturgewalten oder anderen Schicksalshaftigkeiten, die aufgrund ihrer Material- oder Konstruktionsimmanenz zwangsläufig die Vergänglich-keit in sich tragen, können wir dem Zerfall, der Abänderung oder dem Abbau der Dinge zusehen.
Vergängliches ist der Menschenhand und oder dem menschlichen Geist entsprungen und hat dadurch auch nicht die Möglichkeit, sich in die Wiedererneuerungsgesetze der Natur einzufügen. Menschliches ist dazu bestimmt, solches zu bleiben. Die Natur lebt die Erneuerung und Wandlung, der Mensch hingegen, muss sich mit Neuigkeiten und Änderungen zufrieden geben. Die Kunst kann Neues aufbauen, konstruieren, aber auch zerstören, um Besseres entstehen zu lassen.

Die Dekonstruktion ist ein Schöpfungsprozess, im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit und dem Wissen, bloss Vergängliches schaffen zu können. Dieses Bedürfnis überhaupt ausleben heisst, dem Versuch nachgeben, dem Leben eine Antwort auf die Sinnfrage abzuringen.

Unsere Geistesprodukte und realisierte Ideen dienen meistens einem Zweck, einem Nutzen, oder verfolgen sog. „nützliche“ Ziele. Die Natur genügt und erfüllt sich selber. Menschlicher Geist ausserhalb der Kunst, misst sich mit dem Mass der Effizienz. Diese Zweckorientierung bringt auch die Symmetrie die Form in die von diesem Geist erdachten Alltagsprodukte. Damit wird aber aus der Sicht der Kunst, auch eine versteckte, quantitative Wiederholung geschaffen. Die Natur hingegen, kommt ohne diese rein quantitativen Aspekte aus und zeigt uns die Variation und Variante, mit Abart und Sonderfall, mit Einzigartigkeit und Symbiosen.

Vergänglichkeit besiegelt den Zerfall von Symmetrie, Zweck und Beachtung… es fällt ab und wird so zum Ab-Fall. Das Gesetz des Vergänglichen lässt die Serie, die Masse, und die Vielzahl, zum Einzelfall, zur Einzigartigkeit, zum Unikat mutieren (> Büchse : Andy Warhols „soap can“ als Serien-Produkt bis zum heutigen, verrosteten, über-fahrenen und flachgedrückten, un-„brauchbaren“ Ab-Fall-Objekt) . Diese Mutation setzt sich fort im Zerfall, bis dieser vielleicht noch blosse Erinnerung bleibt…!?

Erosion, Destruktion und andere revolutionäre oder evolutionäre Einflüsse auf Unbeständiges, hinterlassen ihre Spuren auf oder in demselben. Hierin erkennen auch wir unsere eigene Vergänglichkeit. Der Mensch und das von seinem Geiste in diese Welt Gerufene, ist stets der Vergänglichkeit geweiht. Die Natur und die Schöpfung kennen da die Wandlung, das (anders-)Werden und die Metamorphose.

In diesem Grenzgebiet zwischen endlichem Geistesprodukt und unendlicher Wandelbarkeit, liegt die Quelle kreativer Schöpfungskraft für den Menschen. Hier, in diesem Kontrastfeld kann Kunst entstehen. Hier hat sie ihre Aufgabe, ihr einzigartiges Entfaltungsgebiet wie es sonst keinem Prinzip zugänglich ist. Solches in diesem Suchraum meines Umfeldes zu entdecken und aufzuzeigen, war und ist mir Herausforderung und Antrieb zugleich. Schon nur die Entdeckung solcher Dualitäts-Ästhetik (wenn ich dies hier so nennen darf) in meinem Alltag, ist für mich der Ursprung von Kunst (>z.B. Kräne vor einem Wolkenhimmel, Technik und Architektur vor oder in Wolken verschwindend).

Das bewusste Wahr-Nehmen dieser Reibungs- und Schicksalszustände ist für mich Quelle des Erlebens, des Entstehen-Sehens meiner Gedanken und Geistes-Er-Zeug-nisse. Es ist immer auch eine Annäherung an das was sein könnte und ein Sich-Bescheiden-Müssen mit dem was wird, was sich ans Licht drängt – immer ebenso ein Versuch, Geschaffenes vorübergehend der Vergänglichkeit zu entreissen…, um es dann aber trotzdem wieder derselben zu weihen.
Kunst ist die einzige Möglichkeit des Menschen bewusst etwas Innovatives zu kreieren, ohne sich einem gesellschaftlichen Paradigma ausetzen zu müssen und nur erkannt und anerkannt zu werden, wenn es seinen vorgegebenen Gesetzen dient oder diesen zuträglich ist. Über die Kunst können wir uns der Trägheit des Zweckdienlichen entreissen und von den Geheimnissen und den Gesetzen des Schöpferischen erfahren, um unseren Geist weiterzubringen und die Vergänglichkeit er-tragbar zu machen.

Ein Beweis, dass Kunst sich mit Einmaligkeiten und Einzelfällen auseinandersetzt, solche schafft, sucht, provoziert, evoziert, sich selber in Prozessen in Frage stellt, ist das Zerstören (sprich : der Vergänglichkeit opfern) von Selbst-Geschaffenem!

Die Kunst muss und soll sich in Frage stellen, sich sogar die Vergänglichkeit als Sprache zu eigen machen. Dies auch, um das Wert-Volle zu unterstreichen, indem man/frau es dem menschlichsten und prinzipiellsten Schicksal von Leben überhaupt unterstellt - der Vergänglichkeit! So kehrt die Energie wieder zur Schöpferin/zum Schöpfer ihres eigenen Produktes, ihrer eigenen Blüten, zurück; gleich der Enegie der Pflanzen im Herbst, die sich in die Wurzeln zurückzieht.
So ist dieser stete Lauf in der Natur "Wandlung". In der Kunst hingegen, ist der (ewige) Kreislauf, das was sich der Mensch zu eigen machen kann, oder womit er sich einfach zufrieden geben muss, die "De-Konstruktion"!
Wir können unsere Kunst diesem Naturgesetz der Wandlung nicht unterziehen. Wir können Neues oder wieder Neues schaffen; (r-)evolutionär sind aber all unsere Erzeugnisse vergänglich - müssen wir hier sagen oder gar anerkennen : "...zum Glück"!?
Oft sind solche Vergänglichkeitsprozesse ja das Faszinierende überhaupt, das was uns anregt, motiviert, inspiriert..., aber nicht selten auch erniedrigt oder deprimiert (Eisen > Erosion > Rost; Kupfer > Grünspan; und dann alle "Erzeugnisse" von Katastrophen, die wir aus moralischer Sicht kaum als "faszinierend" bezeichnen wollen oder können).
Wenn wir aber unsere Erzeugnisse selber, freiwillig, auch gezielt dieser Vergänglichkeit aussetzen und damit einem Gesetz der Kunst folgen, ist das "Destruktive" ohne den Negativ-Aspekt von „Zerstörung“, erlebbar.

Der Beweggrund, dadurch wieder die Grundlage für Neues zu schaffen, kann
aus einem Drang -, aus einem inneren Bedürfnis -, aus einer Überzeugung heraus, entstehen. Es ist der Versuch, einer vermutbaren Vollendung näher zu kommen.

Die Vergänglichkeit jedoch, müssen wir als solche akzeptieren, zum Vergänglichen müssen wir uns selbst zählen, die Vergangenheit in unserer Gegenwart als sinnhaft erkennen.


Hanspeter Fiechter, November 2010