Antarktis



Optimismus ist wahrer moralischer Mut

Zitat von Ernest Shackleton

Ich hätte (nicht) dabei sein wollen, damals… vor fast genau 100 Jahren… , als Ernest Shackleton sich zum Südpol aufmachte…

Die „Endurance“ fuhr am 5. Dezember 1914 von Südgeorgien wie geplant Richtung Süden in das Weddell-Meer. Früher als erwartet stieß man auf Treibeis, welches das weitere Vorwärtskommen behinderte.

„Männer für eine gefährliche Reise gesucht, schlechter Lohn, bittere Kälte, lange Monate völliger Dunkelheit, andauernde Gefahr, sichere Rückkehr ungewiss, im Erfolgsfall Ehre und Anerkennung!"
Mit dieser Anzeige suchte 1914 der britische Polarforscher Sir Ernest Shackleton 27 Männer, die ihn bei der ersten Durchquerung des antarktischen Kontinents begleiten wollten. Es meldeten sich über 5.000 Männer, damit war dies die wohl erfolgreichste „Stellenanzeige“ aller Zeiten.
Aber auf diese Anzeige hätte ich mich damals wohl nicht gemeldet! Auch wenn das Skizzieren und Malen damals theoretisch möglich gewesen wäre, hätten es Kälte, Entbehrungen und klamme Finger nur bedingt zugelassen.

Doch genau 100 Jahre später, am 4.Dezember 2014 stehe ich selber genau an diesem Ort des Aufbruchs, wo Sir Ernest Shackleton heute auch begraben ruht – in Grytvicken auf Süd-Georgien.

Durch eine win-win-Situation im Voraus war meine Motivation vom ersten Moment an gegeben! Ich musste mich nun aber noch entsprechend „präparieren“, fokussieren und konzentrieren: Material minutiös vorbereiten, den Gegebenheiten anpassen (bricolage à l`Antarctique…), Informationen in Zusammenhang bringen, Details ihren Stellenwert zukommen lassen und gewichten! Auch die heizbaren Handschuhe zu besorgen, war kein Kinderspiel, aber nichts sollte ein Spiel mit dem Zufall werden, vielmehr wollte ich, dass mir der Zu-Fall wohlgesinnt sein konnte, wenn ich das Meine dazu beitragen würde…!
Und dies war ja dann wirklich auch der (Zu-)Fall – in vielerlei Hinsicht!





Nebst einer ehrfürchtigen Faszination bannte mich auch zweimal eine Angst, die mich zur Frage der Wahrscheinlich-keit einer Überlebens-Chance drängte, als Wellen an die Fenster der oberen Niveaus schlugen und nur ein 30m-hoher und 26 km langer Eisberg als Begleitung auszumachen war!
Nachdem ich aber über die ersten wellen-heftigen Tage meine letzte Tablette gegen Seekrankheit geschluckt hatte, gewöhnte sich mein Körper an das Dauer-Schaukeln und an die hellen Tag-Nächte. Meine Seele und mein Geist waren voll Stift und Pinsel, die das Weiss des Papiers und des Eises erkundeten!
Momente des Ursprungs der Erd-und Menschheitsgeschichte warteten auf mich, wie damals, als Mensch und Tier noch symbiotisch eine unendliche Weite, in unendlicher Ruhe bewohnten und in biblischer Unschuld einander begegneten! So das Weddel-Robbenbaby (von ca. 1.40m Länge), das mich Nähe suchend „verfolgte“ und sich zw. meinen Füssen breitmachend ausruhte, ohne ein Ende dieser Ruhephase signalisieren zu wollen. Als ich dem power-nap durch einen sanften Schritt rückwärts auflöste, setzte dieses „härzige“ Wesen zum wiederholten Male zum Versuch an, an mir schnuppernd hochsteigen zu wollen…, so dass ich im Moment einer möglichen Annährung unserer beiden Nasenspitzen, mich selber in seinen schwarzen, mitleiderheischenden Augen gespiegelt entdeckte…!
Dann wäre da die Begegnung mit dem kunst-und malerei-interessierten Eselspinguin, der mir meinen kurz abgelegten Handschuh zu seinem Eigentum deklarierte und mein Malzeug inspizierte. Er schien dann aber doch Verständnis dafür zu haben, dass ich diese Utensilien für mein Vorhaben noch brauchte, v.a. wohl dadurch, dass er sich ja auch in Schwarz auf Weiss verewigt wusste.

Übertragen in landschaftliche Eindrücke, könnte ich auch solche Begegnungen mit und im Eis schildern, auch heute noch in Kontemplation verharrend und einer grossen Ehrfurcht verschrieben : Alle Blauvariationen dieser Erde vereinigen sich hier in Stille, Weite und in einer mit allen Sinnen wahrnehmbaren Unendlichkeit! Dies vor und in einer Kulisse visuell nur schwerverdaulicher Ein-Drücke, die sich mir in Einzelbildern einprägten, als wären sie mit dem Brenneisen für die Ewigkeit-, klar aber als abrufbare „Vorlagen“ für meine Malerei gedacht…!
Und ich wurde mir gewahr, dass Shackleton diesen Weg , in einer 7m-langen, schaukelnden Nussschale, zusammen mit 5 Männern, über 800 Seemeilen und 15 Tagen, in Gegenrichtung zurücklegte!





Nach insgesamt zwei Jahren im ewigen Eis konnten damals alle Männer lebend gerettet werden. Die Expedition war ein Desaster, aber die Rettung der Besatzung eines der größten Abenteuer der Geschichte.

Ich konnte ein volles Skizzenbuch und etliche Aquarelle nach Hause „retten“; „Expedition“ galt eher meinem malerischen Gefordert-Sein und meinem inneren Aufbruch. Für mich war es kein Überleben, vielmehr ein Erleben der Nähe zu dieser Welt, eine Annäherung an „meinen“ Shackleton und eines der grössten Abenteuer meiner kleinen, ganz persönlichen Lebensgeschichte…!