Botenschätze

aufgespürt



Zu den aufgespürten Botenschätzen

Andy Warhol zeigte uns die Ästhetik der Serie mit seinen Tomatenbüchsen. Die Kunst verliess dadurch den "Einzelfall", der Sonderfall der Serie ersetzte die Variation. Heute erscheinen mir diese Büchsen in einem Stadium später: als alltägliches Strandgut der Landstrasse, verrostet, vom Sonnenlicht tonal und farblich umgestaltet und von Autos plattgefahren. Dadurch gewinnt jede einzelne wieder an Eigenständigkeit und wird so zum Einzelfall. Ihre Artgenossen auf der ganzen Welt werden zu Mitspielern im Weltorchester von improvisierten Jamsessions. Dabei wird die Kreativität des Zu-Falls zum Stargast dieses Spiels, in welchem ich einmal mehr feststelle: Qualität ist immer Thema mit Variation.
Ob in Frankreich an der Landstrasse beim Joggen gefunden, oder in Südafrika beim Überqueren einer gefährlichen Strasse schnell erhascht, sie symbolisieren und vereinigen die vielfältigsten Aspekte einer allfälligen Definition von Kunst in sich: Sie sind entdeckungsanfällig, in Ausschluss der Absicht, sie sind Zeitzeuge und einmalig.
Auf den Schweizerstrassen werden sie vor dem Rostbefall und vor ihrer "Vollendung" als Ab-Fall der zweckorientierten Wiederverwertung zugeführt. Sie haben jedoch auf allen Ebenen der Malerei (und damit einer anderen "Wiederverwertung") meist viel zu bieten: Farb-Ton-Beziehung (Coca-Cola ohne sein Rot...), Form (Silhouette!), der Text auf der Oberfläche, Dynamik (von noch alu-grau oder blechblau bis rostrot), dreidimensionale Erinnerung in zweidimensionalem Erscheinen u.a.m.
Als Druckvorlage dienen sie mir für eine assoziative Formsprache. Auf der Strasse, in scheinbar nutzlosem Zustand, als unerwünschter Begleiteffekt menschlicher Ideenvielfalt, schien es bis anhin ihr letztes Schicksal zu sein, plattgedrückt dahin zu rosten, oder im Recyclingverfahren zu landen.
Einmal mehr bestätigt sich auch in diesen Büchsen (die Bezeichnung tönt allzu schäbig): Je zweckdienlicher etwas (noch) ist, desto weniger Einzigartigkeit besitzt es und desto mehr Symmetrieachsen hat es. – Das Erstaunliche liegt doch so oft im Gewöhnlichen...!

(Hanspeter Fiechter)