Zufahrten

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Zu den erfahrbaren Zufahrten

Die "zer-störende", in die Natur eingreifende Technik, sichtbar rufend, durch den mit Verkehrszeichen, Leitungsmasten, Strassenleuchten, Signalpfosten, von Autos plattgefahrenen Getränkebüchsen u.a.m. durchsetzten Alltag ist die visuelle Quelle meiner neusten Bilder.
Die starken, visuellen Eindrücke führen mich auf die Metaebene dieser so markanten Wegmarken im Leben des modernen Menschen. Hier entdecke ich die antinomischen Zusammenhänge der signalgewordenen Ideen- und Wissensvielfalt des Menschen, welche sich v.a. in der Technik zeigt. Sie, als Kind des menschlichen Geistes, als Energie gewordene und energie(ver-)zehrende Manifestierung der kognitiven Fähigkeiten und Möglichkeiten eines freien Willens und Verstandes.
Der Verstand sollte der Vernunft förderlich sein und uns Menschen die Beziehung zu unserem Ur-Ort, der Natur, aufrechterhalten oder diese überhaupt erst schaffen. Wenn sich des Menschen Ideen der Energie der Erde, des Ur-Chaotischen bedienen, liegt hierin vorerst das Recht dazu, aber bald einmal auch das Un-Recht.
Die Energie könnte und sollte der Idee Antrieb sein, ihr aber gleichzeitig auch Grenzen aufzeigen. Wenn Energie und Idee sich gegenseitig fördern, aber sich auch in Schranken weisen, sind wir auf dem Weg, die Krone der Schöpfung zu werden.
Idee alleine bewirkt nichts, Energie alleine wirkt nicht.

Nun können wir durch unsere Mobilität in jeden Winkel der Natur, der Erde vordringen. Dies beflügelt unsere Ideen. Die über unser Können und Wissen gewonnene, der Erde abgetrotzten Energie, ist Voraussetzung um die der Idee entwachsenen Ziele zu erreichen.

Das Vorstossen in die Natur, in die Schöpfung generell, kann zer-störend wirken. Gleichzeitig ermöglicht uns dieses Können und Wissen-Wie, die Verletzbarkeit der Natur und deren Erhaltenswürdigkeit, überhaupt zu erkennen und unsere Wahrnehmung diesbezüglich zu sensibilisieren.
"Am Anfang war das Chaos...", so steht es geschrieben. Chaos ist Energie, ist das Leben-Kreierende schlechthin.
Die Alltagssignale im (Stassen-)Verkehr sind der Versuch, durch Idee dem drohenden Chaotischen eine Struktur zu geben. Sie dienen dazu, die fragile Natur zu entdecken – oder sollte ich sagen "erobern"?! – und dem anziehenden Archaischen unserer Herkunft näher zu kommen. Der Zweck des realen und rein praktisch orientierten Alltags verschleiert uns die Sicht auf den ästhetischen Gehalt dieser so nüchternen Symbole. Je mehr deren sind und je dichter sie vorkommen, desto weniger nehmen wir den (visuellen) Wert des einzelnen wahr. Wenn diese Konstrukte sich in die bis dahin unberührte Natur und in das ungestaltete Urtümliche der Natur verlieren, wirken sie als dermassen einschneidenden Gegensatz, dass dieser die chaotische Ruhe störende Vorstoss uns umso bewusst wird. Dadurch gewinnen diese Signale, Drähte und Masten an Ästhetik... mit Signalwirkung für unser Bewusstsein im Umgang mit der Schöpfung.
In meinen Bildern mache ich diesen Vorstoss, über die unterschiedlichsten Strassen, sichtbar.

Einmal mehr entdecke ich in der Polarität einer Antinomie den qualitativen Aussagegehalt von gegebenen Gegensätzen. Für das Bewusstsein hierüber bin ich dankbar.

So scheint es auch das irdische Los jedes Menschen zu sein, sich in allen Belangen des Seins zwischen zwei Grenzen zu bewegen. Diese Tatsache erscheint als die formale Struktur in unserem Wesen und seiner Wahrnehmung zu sein. So ist der Mensch ein Grenzwesen, das sich immer wieder selbst überwinden will, dadurch Überwinder wird, aber auch zum Überwundenen.

(Hanspeter Fiechter)